HFDT Brown-Bag Forum: Stefan Baumgarten
Hybride Veranstaltung:
Seminarraum - SR 15.23 ReSoWi-Zentrum (Universitätsstraße 15/Bauteil C, 2. OG), 8010 Graz
oder mit Zugang unter: https://unimeet.uni-graz.at/b/kot-uhv-mm2-oij
Abstract:
Dieser Vortrag untersucht die Rolle der KI-basierten Translationsmaschine an der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz, Ethik und kritischer Translationswissenschaft. In fünf Thesen werde ich diskutieren, warum die Translationsmaschine weder ein demokratisches Instrument noch ein neutraler technischer Fortschritt ist, sondern tief in den Strukturen des gegenwärtigen Technokapitalismus verhaftet ist. Zunächst wird argumentiert, dass maschinelle Übersetzung weniger zu einer kultursensiblen Verständigung beiträgt, als dass sie den illusionären Traum universeller sprachlicher Verständigung vermarktet (Feenberg 2002). Die zweite These beleuchtet, wie die Translationsmaschine als ideologisches und kommerzielles Werkzeug Marktlogiken, Profitinteressen und der algorithmischen Kontrolle technokapitalistischen Handelns unterliegt (Suárez-Villa 2009). In der dritten These wird die Translationsmaschine als Teil eines neuen Ausbeutungssystems analysiert: Während in früheren Stadien kapitalistischer Herrschaft vor allem materielle Ressourcen gewinnbringend vermarktet wurden, treibt der kognitive Kapitalismus die profitorientierte Verwertung intellektueller und kreativer Arbeit voran (Fırat 2024). In der vierten These wird die bekannte Metapher des „Elefanten im Raum“ bemüht, um zum einen die großflächige Nichtberücksichtigung soziotechnischer Aspekte in der Translationswissenschaft zu problematisieren und zum anderen die grundlegende Sprach-, Kultur- und Kritiklosigkeit von Translationsmaschinen hervorzuheben (Lardelli 2024, Rozmysłowicz 2024, Tieber und Baumgarten 2024). Schließlich wird in der fünften These die Translationsmaschine als eigenständige gesellschaftliche Akteurin betrachtet, deren Einfluss auf die globale Gesellschaft dringend kritisch reflektiert werden muss (O’Brien 2023). Der Vortrag fordert eine radikale Neubewertung der Mensch-Maschine-Verflechtungen und plädiert für eine ethisch verantwortliche, sozial gerechte Gestaltung der technologischen Entwicklung in der Translation.
Vortragender:
Univ.-Prof. Dr.phil. Stefan Baumgarten leitet seit März 2021 das Institut für Translationswissenschaft an der Universität Graz und forscht in den Bereichen Translationstechnologie, digitaler Wandel und Ethik, sowie transkulturelle Kommunikation und Posthumanismus. In der Vergangenheit beforschte er den Schwerpunktbereich Translation und Kapitalismuskritik, wie einige seiner Veröffentlichungen widerspiegeln: “Translation in Times of Technocapitalism” (Sonderausgabe, Target, 2017), Translation and Global Spaces of Power (Sammelband, Multilingual Matters, 2018; jeweils mit Jordi Cornellà-Detrell), “Translation and Hegemonic Knowledge under Advanced Capitalism” (Forschungsartikel, Target, 2017) oder “Adorno Refracted: German Critical Theory in the Neoliberal World Order” (Buchbeitrag, Key Cultural Texts in Translation, 2018).
Zu seinen jüngsten Publikationen im Bereich Translation, digitaler Wandel und Ethik zählen “Digitalisation, Neo-Taylorism and Translation in the 2020s” (Forschungsartikel, Perspectives, 2023; mit Carole Bourgadel), “Welcome to the translation machine! Translation Labour in Times of Techno-Triumphalism” (Buchbeitrag, Translation and Neoliberalism, 2024), “Mean Machines? Technological (R)evolution and Human Labour in the Translation and Interpreting Industry” (Sonderausgabe, Perspectives, 2024; mit Michael Tieber). Er ist zudem Mitherausgeber des The Routledge Handbook of Translation Technology and Society (mit Michael Tieber), das im Juni 2025 erscheinen wird. Aktuell arbeitet er an zwei Sammelbänden: Posthumanist Thinking in Translation and Interpreting Studies: Humans, Machines and Epistemic Change (John Benjamins, voraussichtlich 2026, mit Şebnem Bahadır-Berzig und Raquel Pacheco-Aguilar) und Radical Thought in the Anthropocene: Dimensions and Potentials of Critical Theory (Palgrave Macmillan, voraussichtlich Ende 2025, mit Susanne Kogler).